Burg Herzberg Festival 2012

Es soll ja Menschen geben, die gerne Festivals besuchen, denen aber der, in den letzten Jahren verstärkt auftretende, Eventcharakter der einschlägigen musikalischen Feste höchst suspekt ist. Da ich mich selbst zu diesem Schlag Menschen zähle und, statt daheim zu sitzen und auf den Kommerz und den Ausverkauf zu schimpfen, es vorziehe, mir die Festivalsaison nicht von Gewinnmaximierung und Profitgier – huch, darf man sowas überhaupt sagen, immerhin tun diese Leute das auch nur aus Liebe zur Musik… – verderben zu lassen, pilgerte ich nun schon zum dritten mal zum Burg Herzberg Festival im beschaulichen Örtchen Breitenbach am Herzberg. Denn es gibt sie noch, die Idealisten unter den Veranstaltern, die die ursprüngliche Idee dessen, was auf Neudeutsch als „Festival“ bezeichnet wird so gut es geht am Leben erhalten.
An dieser Stelle muss ich dankend erwähnen, dass glücklicherweise genau diese Einstellung die Maxime der meisten Veranstalter innerhalb der Stonerrock Szene zu sein scheint und wir somit aus einer Fülle an Konzerten und kleinen Festivals schöpfen können, die mit gemütlicher Atmosphäre aufwarten und die Musik in den Mittelpunkt stellen. Klein, aber fein.
Das Burg Herzberg Festival ist zwar genauso fein, jedoch im direkten Vergleich zu Veranstaltungen wie dem Yellowstock, Rotormania, Voidfest, Blue Moon Festival usw., mit seinen mehr als 10.000 Besuchern, geradzu riesig.

Der Verkauf von „Hart-Alk“ ist verboten, „Konservenmusik“ ist in Nähe des Kinderlandes nicht gestattet, genauso wie betrunken sein…moment mal Kinderland…hier geht’s doch um Rockmusik.
Allen Zweiflern sei gesagt:

Nur, weil man nicht 24/7 besoffen ist, sich weder mit Pöbeln noch Gröhlen die Zeit vertreibt, keinen stinkenden und verrotenden Müllberg im“Vorgarten“ sein Eigen nennt und am Ende auch nicht nach Hause fährt und doch nur drei Bands gesehen hat, heißt das noch lange nicht, dass man dort nicht verdammt viel Spaß haben kann!

„Besorg ’n paar Golfschuhe, Mann. Unmöglich in diesem Schlick herumzulaufen. Absolut kein Halt.“
-Fear and Loathing in Las Vegas

Tag 1

Etwa fünf Stunden Wartezeit lagen hinter uns, als wir mit „dem Matsch“ nun endlich persönlich bekanntschaft machen konnten. „Der Matsch“ geisterte, während wir zusammen mit hunderten Anderen in der langen Autoschlange auf der kurvigen Waldstraße warteten, schon die ganze Zeit durch die Gespräche und Köpfe der Anwesenden, nachdem ein Mitglied des Security/Festivalteams alle darüber in Kenntnis setzte, dass man einen Abschlepphaken benötige und diesen schon einmal zu suchen und Einsatzbereit zu machen habe, da ansonsten nicht ans Weiterfahren zu denken sei. Die Lage auf dem gesamten Zeltplatz sei mehr als kritisch und wäre sogar aussichtslos, wenn nicht freiwillige Helfer, Bauern der Umgebung und sonstige Menschen, die einen Traktor in der Garage stehen haben, unermüdlich jedes einzelne Auto an seinen Platz auf dem Zeltplatz gezogen hätten. Bis spät in die Nacht hinein und sogar am darauffolgenden Tag wurden unermüdlich Autos auf das Gelände geschleppt.
Das Gelände , unter normalen Umständen eine idyllische, hügelige Wiese, hatte sich aufgrund starker Regenfälle zu „dem Matsch“ entwickelt – jegliche Form einer kunstvollen und mit adjektiven gespickten Beschreibung des Schlamms unterliegt der schlichten Personifizierung des Ganzen, weil „der Matsch“ im Laufe der Zeit als Teil des Festivals aufgefasst und sogar ein wenig liebgewonnen wurde und desweiteren, weil „schuheklauender, Leute von den Beinen reißender, stinkender, glitschiger Morast“ einfach zu lang ist.

So kam es, dass wir am Abend nach unserer Ankunft mit unserem leichten Schuhwerk etwa 15 Meter nach Betreten des Festivalgeländes, auf dem Weg zur Hauptbühne, erst feststeckten, dann beim Versuch „den Matsch“ zu umgehen scheiterten und schließlich resigniert feststellten, dass die nächsten Tage, was die Fortbewegung anging, keine leichten werden würden. Aber Alles halb so wild. Den Abend konnten wir in intimer Atmosphäre vor einem kleinen Händlerzelt, bei groovigem Blues ausklingen lassen und unsere (anfängliche) Diskrepanz mit „dem Matsch“ löste sich schon am nächsten Morgen in Wohlgefallen auf, als ein nachgereister Freund für alle Mann Gummistiefel im Gepäck hatte.

Tag 2

Über das Wetter will ich mal kein Wort verlieren…wenigstens hatten wir den Sommer in unseren Herzen.
Das Bandangebot war am ersten „richtigen“ Festivaltag grandios und im Nachhinein bereue ich nur Ian Anderons Flöte gelauscht zu haben, anstatt mir bei Lonely Kamel harten Bluesrock um die Ohren hauen zu lassen. Jethro Tull’s Frontmann in allen Ehren, aber trotz sauber und souverän gespielten Klassikern wurde der Gig reichlich uninspiriert und mit wenig Feuer abgearbeitet.
Die Live-Qualitäten von Sungrazer sind ja allgemein bekannt, weshalb ich lediglich ergänzen möchte, dass die Stimmung, die durch die Songs der Holländer transportiert wird, eine perfekte Symbiose mit dem Vibe auf dem Festival einging, was die Zuschauer dazu bewegte, ekstatisch die Bühne zu stürmen. Natürlich erst nach Aufforderung zum gemeinsamen Tanz.

Nach der Show konnte ich die Jungs noch zu einem kleinen „Interview“ bewegen:

„A lack of good questions…and a lack of good answers“

Begehrte junge Herren sind sie mittlerweile geworden, weshalb ich eine lange Zeit vor der Bühne wartete, bis sich Sander, seines Zeichens Bassist der Truppe, von den Fans und sonstigen Bekannschaften loseisen konnte. Gitarrist Rutger hielt mich bei Laune und entschuldigte sich alle paar Minuten dafür, dass sie mich so lange hinhalten mussten. Aber nach unzähligen Entschuldigungen und genausovielen Beteuerungen, dass es kein Problem sei, saßen wir endlich alle beisammen und waren bereit. Zumindest fast alle, da sich der Mann hinter dem Schlagzeug unmittelbar nach dem Gig in seine Schlafgemächer zurückgezogen hatte, weil er über Halsschmerzen klagte.
Jetzt sollte es aber wirklich losgehen, doch mysteriöser Weise kann man das, was wir dann fabrizierten, nicht im Entferntesten als Interview bezeichnen.

Meine Fragen schienen, sobald ausgesprochen, an Relevanz zu verlieren und den Musikern fehlte es an Inspiration und der nötigen Eingebung auch nur ansatzweise adäquat zu antworten. Uns sei es verziehen, die Gegebenheiten schienen nicht die Richtigen gewesen zu sein und zu solch unchristlicher Stunde hätten wir es auch alle dem Schlagzeuger gleich tun und schon längst in unseren Betten liegen sollen, statt zu versuchen wichtige Informationen auf ein Tonbandgerät zu bannen.
Immerhin gab es eine gute Nachricht, die zwar als geheim eingestuft wurde, aber soviel konnte verraten werden: Es wird in absehbarer Zeit ein Split-Album geben. Mit wem war zum damaligen Zeitpunkt noch Verschlusssache, aber Mittlerweile ist die frohe Kunde verbreitet worden; es sind The Machine. Die entspannten und spaßigen Unterhaltungen nebenbei entschädigten aber für’s missglückte Interview und entließen mich und meine Begleiter gut gelaunt in die Nacht, oder das, was davon noch übrig war.

Tag 3

Der Samstag war nicht so sehr von klassischem Stonerrock geprägt, sondern stand ganz im Zeichen des guten alten Bluesrock. Wir ließen es ruhig angehen und erkundeten in aller Ruhe das Festivalgelände – „Freak City“.
Das meiste, was hier zu finden ist, ist bunt. Ob Händlerstände, der Boden (vor einem Zelt, in dem T-Shirts gefärbt werden), Zelte, Cocktails und sogar die Menschen sind allesamt farbenfroh…und wenn nicht äußerlich, dann auf jedenfall im Geiste.
Wer sich als Schallplattenliebhaber nicht beherrschen kann, der läuft Gefahr seine gesamten Ersparnisse binnen weniger Minuten in feinstes Vinyl zu investieren. Die Auswahl ist gigantisch, reicht von gebrauchten Platten bis hin zu Neuerscheinungen und für jeden Geschmack ist etwas dabei; ich konnte meinen Bedarf an Stoner-, Psychedelic- und Bluesrock decken und sogar ein jazzaffiner Freund wurde fündig und konnte sich bei dem Überangebot an guten und vielseitigen Tonträgern nur schwer entscheiden.
Ähnlich erging es uns bei Speiß und Trank. Jedes Jahr Plane ich mehr Budget nur für Platten und Essen ein, aber im Endeffekt ist es trotzdem noch zu wenig. Das Angebot reicht von asiatischer Küche und pakistanischen sowie indischen Gerichte über bodenständigere Kost bis hin zu „LSD-Waffeln“ (keine psychedelischen Substanzen, dafür knallbunte Zuckerperlen und Schokostreusel). Das Meiste schmeckt ausgezeichnet und hebt sich darüber hinaus vom – Achtung: metaphorische Plattitüde – sonstigen Einheitsbrei ab.

In entgegengesetzter Richtung zur Hauptbühne findet man die etwas kleinere „Freakstage“ und die wirklich kleine „Mentalstage“, die in einen gemütlichen Chill-out Bereich eingebunden ist. Teilweise mit Zelten überdacht steht der, mit Teppichen ausgelegte, Boden voller Sofas und anderen gemütlichen Sitzgelegenheiten. Direkt neben der Bühne kann man sich an der „Bar jeder Sinne“ mit Getränken aller Art eindecken, oder sich im Kicker-Zelt die Zeit mit einem spannenden Match verteiben. Es gilt nur zu beachten: „Keine Getränke auf dem Tisch abstellen“ und „Herausforderungen müssen angenommen werden…ausnahmslos“.
Die Atmosphäre ist durchgehend entspannt und man fühlt sich direkt heimisch, besonders wenn zu nächtlicher Stunde ein spontaner Jam, mit Akustikgitarren und allem was sich sonst noch finden lässt, rund ums Lagerfeuer entsteht.

Tag 4

Für Sonntag war auch noch musikalisches Programm bis spät in die Nacht vorgesehen, was zwar ungünstig für Arbeitnehmer ist, das Festivalerlebnis aber um noch einen weiteren „vollen“ Tag erweitert.
Die Zwei-Mann-Combo Moon versetzte mich mit minimalistischem Stoner-Psych-Blues in verzückung. Mit einfachsten Zutaten – Gitarre, Schlagzeug und Gesang – zauberten sie ein feines Süppchen, bestehend aus bluesigem Garagenrock Charme, gepaart mit leicht psychedelischen Avancen und abgerundet mit ordentlich Druck.

Direkt danach enterten My Sleeping Karma die Bühne und mittlerweile sollte sie jeder einmal Live gesehen haben, weshalb ich auch auf weitere Ausführungen verzichte. Nur so viel: es war mal wieder athmosphärisch, mystisch und – ich kann es nur immer wieder betonen – der richtige Zeitpunkt; „My Sleeping Karma“ zünden nachts am besten!
Nach einem anstrengenden Tag verzogen wir uns wieder in Richtung „Mental Stage“ , weil dort gerade „Burn Pilot“ die Bühne betraten und auch weil man sitzen und sich ausruhen konnte. Die drei jungen Herren spielten lang, ausdauernd und mit massig Energie. Im Jahr zuvor hatte ich schon Gelegenheit die Jungs an gleicher Stelle live zu sehen und ich bin zu dem Urteil gekommen, dass sie sich in nur einem Jahr durchaus weiterentwickelt haben. Schlecht waren sie damals nicht, aber dieses Mal wirkten sie abgeklärter, die Songs durchdachter und ihre Perfomance machte insgesamt einen guten Eindruck.
Nette Jungs sind sie darüber hinaus auch noch, weshalb ich einen von ihnen ins Kicker-Zelt, für ein kurzes Interview, entführen durfte. [Interview wird bald nachgereicht]

Fazit

Schon bei meinem ersten Besuch auf dem „Burg Herzberg Festival“ fiel die Entscheidung, jedes Jahr wieder zu kommen, wenn die Möglichkeit besteht. An diesem Vorsatz hat sich auch nach dem Dritten Besuch nichts geändert. Die Gründe dafür liegen für mich klar auf der Hand: Ein hammer Line-Up mit unglaublich guter Atmosphäre. Das war’s auch schon.
Wer auf Bluesrock steht, ist hier sowieso richtig, genau wie Freunde krautiger oder auch spaciger Rockmusik. In den letzten Jahren sind auch vermehrt Stonerrock Bands anzutreffen und somit wird ein breites Spektrum an verschiedenen Genre abgedeckt, weil die Veranstalter auch immer darauf bedacht zu sein scheinen, ungewöhnliche und auf den ersten Blick unpassend wirkende Bands zu präsentieren, weshalb man mitunter schonmal Indierocker, Liedermachern oder auch Ska-, Weltmusik-, oder Popcombos über den Weg läuft.
Bestes Beispiel „Panzerballett“; Jazz-Metal auf höchstem musikalischen Niveau…klingt komisch – ist es auch, aber gut kommen die Jungs trotzdem an, was an der Aufgeschlossenheit des Publikums liegt. In der Tat ist das Bandangebot für eine Veranstaltung, die als „Traditional Hippie Convention“ ausgeschrieben ist, erstaunlich breit gestreut. Ein wirklich gutes Konzept und auf Dauer besser, als den Booker nur Szeneintern jagen zu lassen.
Desweiteren stelle ich die gewagte These auf, dass man, ohne auch nur eine einzige Band zu kennen bzw. ohne jegliches Interesse an Musik eine wunderbare Zeit auf dem Festival verleben kann. Das liegt am zweiten Punkt. Wie oben bereits erwähnt ist die Atmosphäre einmalig und man könnte auch einfach nur zwecks Abhängen, gemütlich mit entspannten Leuten ein Bierchen trinken, Vorträgen im Lesezelt lauschen oder sich Improvisationstheater zu gemüte führen, zum Herzberg kommen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei und auch die Familienfreundlichkeit tut dem Rockfestival-Charakter keinen Abbruch und auch die Tatsache, dass täglich dutzende Hunde unbehelligt und vorallem unbeschadet auf dem Gelände unterwegs sind, zeigt wie gut hier alles zusammenpasst.
Ich persönlich hab mich von Anfang an wohl gefühlt und auch wenn manch Einer sagen wird:“Bah, Hippies, dieses langhaarige, ungewaschene Pack, soll lieber mal was arbeiten, als dauernd nur von Liebe zu reden.“, dem kann ich nur erwiedern, dass mir zum Einen repräsentative Statistiken zur Hygienekultur der „Hippies“ fehlen und zum Anderen sind Veranstaltungen solcher Art rar gesät, in Zeiten, in denen uns die soziale Kälte wie eine steife Brise ins Gesicht weht und vieles Schief läuft in der Welt. Ich weiß, ich weiß…sentimentales Geschwätz, aber mal ganz im Ernst:
Es gibt wenig schlechtes, was ich über das „Burg Herzberg Festival“ in seiner Gesamtheit sagen könnte und ich werde das Gefühl nicht los, dass es sich um eine Veranstaltung handelt, die in ihrer Art stark bedroht ist. Hoffentlich wird sich der Trend in Zukunft wieder in diese Richtung entwickeln, damit so etwas keine Seltenheit mehr bleibt.
Meiner Ansicht nach haben wir hier mitten in Deutschland ein Festival, wie es im Buche steht.

peace,
Fred