Electric Orange – Netto

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Augen schließen- Kraut genießen

Netto

Electric Orange

Kraut since. 1992, das trifft in diesem Falle nicht nur auf mich, sondern auch auf die Aachener Electric Orange zu. Und trotz dieser Gemeinsamkeit kommt es, dass ich erst 19 Jahre später die ersten Töne dieser Band, in Form von Netto vernehmen darf.

Die Reise beginnt mit dem Titel Polyzysten, welcher vorerst auch ohne Musik durchaus einen Titel verdient hat. Der musikalische Teil wird durch ein Fliegensummen eingeleitet, welches durch unrhytmische, psychadelische Gitarrenklänge verdrängt wird. Erst allmählig beginnt das Schlagzeug im Takt zu klingen, wohingegen Gitarre und Hammondorgel auf der ganzen länge des Liedes nach selbigem suchen und trotzdem zusammen eine herrliche Struktur bilden. Das ganze gibt einen wunderschönen end 60`s Flair.
Der Titel Basslochner stellt mit 2:45 den mit Abstand kürzesten Track dar, beweißt damit allerdings klangvoll mit Perkussion, dass die Band durchaus rhytmisch zu Tage gehen kann. Das ganze wird von spacigem Synthiesound unterlegt.
Mit Fluff bekommt man den ersten von fünf Stücken serviert, welche die zehn Minutenmarke überschreiten. Dieser beginnt sehr sanft und steigert sich vom spacigen Mellotron gerne mal zu höher angesiedelten Gitarrenwänden, welche genauso sanft auch wieder ausklingen. Es ist wunderschön zu beobachten, wie die Gitarre immer wieder in den hinter- bzw. Vordergrund gerät, was das Lied trotz seiner Länge nie zäh oder langweilig erscheinen lässt. Fließend gelingt auch der Übergang zu Perpetuum Mobillar, ein herrlich pulsierender Sound, der das Erlebnis von Fluff noch einmal mit dem Synthie, nein eigentlich mit allen Instrumenten wieder aufgreift. Es scheint so als würden alle Instrumente im Kreis um den Synthesizer auf und ab tanzen. Für mich bis hierhin definitiv der Höhepunkt des Albums.

Der Titeltrack Netto ist zu Beginn aufgrund der straighten Orgel eher trocken und auch düsterer angesiedelt, was sich ab der hälfte schlagartig ändert. Mit einmal flitzt das Schlagzeug und die Gitarre und der Synthie erzeugen einen tollen Sound, welcher etwas an Uran erinnert. Der kurze Sprint endet wieder in absoluter Spacigkeit und Ruhe, welche wiederrum durch zügiges Schlagzeug und Perkussion unterlegt werden.
Supptruppen (die Polyzysten?) und Auslauf geben aufgrund der sphärischen Melodien beide viel Raum zum fantasieren, ersteres eher auf düstere, zweiteres eher auf eine heitere Art und Weise – so nah können Schwarz und Weiss zusammen sein.
Zeitheiser ist ein sehr düsterer Track, ruhig und mit vielen „Gruseleffekten“ die von Synthie, Gitarre und dem tiefen Bass bestimmt werden. Ein leichter Hauch von Jazz mischt sich mit ein, ohne aber wirklich da zu sein. Sehr interessanter Track, den ängstliche Leute lieber meiden sollten.

Der letzte Titel Raumschaf ist mit 15 Minuten auch der längste. Er bündelt quasi noch einmal alles, was man auf der Reise durch das sphärisch, spacige Album erleben durfte. Alle Instrumente tanzen noch einmal ringelreie, bevor der Silberling sanft und leise mit zirpenden Grillen endet.

Electric Orange schaffen es sage und schreibe 80 Minuten lang, den Gehörsinn in den Wahnsinn zu treiben. Auf und ab, durchs All, auf der Erde, hier, dort und eigentlich überall. Das Album lässt einen gleiten, wie kaum ein anderes. Allerdings ist es kein Album, dass man jederzeit, an jedem Ort hören kann. Man sollte sich zwingend eine ruhige „Minute“ gönnen um dieses Album zu studieren, dann macht es auch Spaß. Wenn man die Scheibe jedoch nur nebenbei hört, so wirkt sie eher störend und unangebracht. Es ist einfach eine CD, für die richtige Zeit, am richtigen Ort.

1. Polyzysten
2. Basslocher
3. Fluff
4. Perpetuum Mobillar
5. Netto
6. Supptruppen
7. Auslauf
8. Zeitheiser
9. Raumschaf

Laufzeit: ca. 80 min.

Anspieltipps: Polyzysten, Perpetuum Mobillar, Raumschaf

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