Hypnos 69 – Legacy

Progressive, Psychedelic, Stoner, Space, Jazz – Hypnos 69 und Genrebezeichnungen? Nein danke…

Legacy

Hypnos 69

Wer die Geschichte um Hypnos 69 etwas verfolgt hat, weiß wo die Belgier ihre Ursprünge haben. Waren sie Ende der 80er/Anfang der 90er noch unter anderen Namen in politisch orientierten Punkrock und Grindcorebands unterwegs, hat sich ihr Stil in den nächsten zwei Jahrzehnten immer weiterentwickelt. In den 90ern kamen dann schon die 70er-Elemente  dazu, womit 1994 der Name in Hypnos 69 geändert wurde.
Im neuen Jahrtausend wurden dann Fans von progressivem Psychedelic-Rock gleich mit 4 Alben bedient. Seit 2004 unter elektrohasch records sind wir jetzt im Jahr 2010 beim fünften Album angekommen. Und das hat es in sich! Legacy – Das Erbe.

Wer sich die CD (oder Doppel LP) zulegt, nimmt sich ganz schön was vor. Am besten hält man sich ein ganzes Wochenende frei. Denn das 72 Minuten lange Legacy erfordert volle Aufmerksamkeit.
Schon den ersten Song Requiem (for a dying Creed) kann man stellvertretend für das ganze Album ansehen. Der 18 Minuten lange Song selbst ist nochmal in 3 Teile unterteilt. Ähnlich einer klassichen Komposition. So enthält Teil 2 tatsächlich die „Reprise“ des ersten Teils.
Requiem geht sofort aufs Ganze. Der Hörer wird von einer schweren Gitarre und schnellem Schlagzeug ins Album reingezogen und lässt kaum Zeit zum verschnaufen. Gleich darauf folgt ein episch anmutendes Zwischenstück das von der hohen Gitarre geführt wird und nach zwei Minuten setzt der Gesang ein. Mit rotziger Stimme und einem Riff der sogar die ein oder andere NWOBHM-Band erblassen lassen würde hammert der Song weiter. Nach knapp vier-einhalb Minuten wird dem Hörer eine Pause gegönnt.

Hier kommt Teil zwei (von Song eins wohlgemerkt) Visions mit einer viel ruhigeren Seite von Hypnos 69 ins Spiel. Hier gibt es Flöte, eine geheimnisvoll gespielte Gitarre, Hintergrundgemurmel und beklemmender Gesang. Nur wird dieser hier ganz anders eingesetzt als noch zu Beginn. Steve Houtmeyers klingt hier als wohle er verführen, locken, hypnotisieren. Schlagartig setzt plötzlich ein Saxophon ein und nimmt uns zurück zum Anfang des Songs. Wir sind gefangen zwischen Jazz und Space. Gitarre und Saxophon duellieren aneinader. Die Gitarre gewinnt die Überhand und spielt sich in Extase um dann nach knapp 10 Minuten wieder vom mächtig eingängigen Riff und dem gerade zu Heavy Metal-lastigen Anfangsteil eingeholt zu werden. Eddie und seine eiserne Jungfrau sollten den Hut ziehen.
Nicht das Hypnos 69 in irgendeiner Form hier Metal zelebrieren würden… nein. Das hier geht weit darüber hinaus.

Die Belgier scheren sich ganz offensichtlich einfach einen Dreck um Genrebezeichnungen. Sie ziehen ihr Ding durch und arbeiten sich dabei durch alles was mit Stoner Rock in irgendeiner Weise in Verbindung gebracht werden kann. Das geht soweit, dass vom Stoner am Ende schier gar nichts mehr übrig bleibt.
Gut so. Mittlerweile sind wir nämlich im dritten Teil des ersten Songs angekommen. Hier wird das Tempo um einiges zurückgeschraubt und wird hören eine psychedelische Rockballade. Immer wieder werden Elemente des Anfangs aufgenommen und verarbeitet. Der Song liefert ein beeindruckendes Crescendo mit einem Gitarrensolo, dass sich die letzten Minuten nochmal verspielt dem Anfangsteil widmet.
Wow. Was war das? Fragt man sich nach diesem Song. Versucht man die Instrumentation in Worte zu fassen scheitert man an der Vielfalt. Sucht man nach einem Genre könnte man ein dutzend nennen; oder keines. Der Song spiegelt im großen und ganzen das Album dar.

Meiner Meinug nach ist es nur leider so, dass der erste Song tatsächlich gleich den besten darstellt. Ich habe mich über eine Stunde nur dem ersten Song gewidmet. Um ihn zu verstehen und ganz aufnehmen zu können. Schreitet man dann fort zum Rest des Albums ist man vielleicht etwas enttäuscht. Nicht das der Rest schlecht wäre. Der nächste Song An Aerial Architect (angelehnt an ein Zitat von Isaac Newton) überzeugt durch die Kombination von Saxophon und Gitarre. Diese spielen sich Motive zu und entwickeln den Song weiter. Das Ganze knallt immernoch, ähnlich dem ersten Song mit viel Jazz und Space.
Leider fehlt den folgenden Songs wie My Journey to the Stars und The Sad Destiny We Lament der rockige Groove vom Anfang des Albums. Hier stehen Balladen und Melodien im Vordergrund. Nur selten hört man nochmal die verstrickte Instrumentation und beeindruckende Riffs. Dieser gesamte Mittelteil ist wohl Geschmackssache und für den ein oder anderen vielleicht etwas zu seicht. Musikalisch bewegt sich das Ganze dennoch immer auf sehr hohem Niveau.

Wer sich das Album aber am Stück anhört wird am Ende nochmal für das aufmerksame Zuhören belohnt. Der letzte Song The Great Work hält was der Titel verspricht. Dem Booklet entnimmt man, dass es sich diesmal sogar um einen viergeteilten Song handelt. Wieder 18 Minuten Laufzeit. Auch diese machen durchweg Spaß. Heavy Riffs, irre Saxophon und Gitarren-Soli, geflüsterte Lyrics und ein gelungenes Outro. Alles was wir die letzte Stunde über gehört haben, wird hier im letzten Song nochmal eindrucksvoll aufgenommen.

So ein komplexes Album findet man wohl selten. Benutzen die Belgier doch tatsächlich über ein dutzend Instrumente. Darunter vier alte Keyboards (Hammond, Korg MS, usw.) die den Tracks einen charmanten Retro-Charakter verleihen. Wer Musik als seine Leidenschaft bezeichnet holt sich mit Legacy einen kleinen Schatz in die Sammlung. Dem Album sollte man aber wirklich soviel Aufmerksamkeit schenken wie es ihre Schöpfer offensichtlich getan haben. Während Hypnos 69 Pink Floyd und King Crimson Tribut zollen verneigen wir uns vor den Belgiern.

1. Requiem (for a dying Creed)
I – Within this Spell
II – Visions/within this Spell (reprise)
III – A Requiem For You

2. An Aerial Architect
3. My Journey to the Stars
4. The Sad Destiny We Lament
5. The Empty Hourglass
6. Jerusalem
7. The Great Work
I – Nigredo
II – Albedo
III – Citrinitas
IV – Rubedo

Laufzeit: 72 Minuten

Anspieltipps: Requiem, An Aerial Architect, The Great Work

Trivia: Das wunderschöne Cover kommt von „Stoner-Art“-King Malleus!

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