The Grand Astoria – II

The Grand Astoria sind eine noch recht junge Band aus Russland, genauer gesagt St. Petersburg. Das Quartett besteht aus Kamille Sharapodinov (vocals,guitar),
Igor Suvorov (guitar), Farid Azizov (bass) und Nick Kunavin (drums) und der Bandname entstammt einem Hotel in ihrer Heimatstadt. Ihren Stil kann man knapp mit Psychedelic-Prog-Stoner umschreiben. Obwohl sie sich erst im April 2009 gründeten, liefern sie schon ihren zweiten Longplayer ab.
Und der hat es in sich! Zwar befinden sich „nur“ fünf Stücke auf dem Album, aber die mit einer guten Dreiviertelstunde Gesamtspielzeit. Da kann man sich auch mal die Zeit nehmen auf jeden einzelnen genauer einzugehen.

Enjoy The View heißt das erste Stück, das mit einer knappen Viertelstunde zugleich das längste ist. Zum Anfang erklingen Stimmen, die wie aus einem alten Radio zu kommen scheinen und dazu Marsch-ähnliches Schlagzeugspiel. Das ganze wird von sanften Gitarrenakkorden aufgelockert. Ab Minute Zwei kommt dann auch die Leadgitarre dazu und untermalt alles mit schön ruhigen Melodien, die Stimmen verschwinden zunehmend, tauchen aber immer wieder kurz auf. Der Bass schaltet sich ein und auch das Schlagzeug spielt jetzt songdienlich mit. So geht es bis zur fünften Minute weiter, dann setzt der erste richtige Riff ein, wenig später beruhigt sich alles wieder. Kurz sind nur die Stimmen da, minimalistisch von den einzelnen Instrumenten getragen, dann wieder der rockige Riff…in diesem Wechsel geht es ersteinmal weiter. Später spielen die Drums wieder im Marschrhythmus und es darf gejammt werden, Minute Zehn ist erreicht. Psychedelische bis doomige Riffs wechseln mit Feedback-Noise-Leads und die letzten zwei Minuten kommt der Song zum ruhigen ausklingen. Schon der erste Titel ist also eine kleine musikalische Weltreise.

Der zweite Song trägt den knappen Titel: The Inner Galactic Experience Of Emily Dickinson And Sylvia Plath. Jetzt geht es etwas beschwingter zur Sache – Die Anfangsmelodie, die sich im ganzen Lied immer wieder einschleicht, bringt das Tanzbein zum schwingen. Zwischendurch gibt es nette zweistimmige Soli, teilweise in irrem Tempo. Auffällig an dem Titel ist aber etwas anderes, es ist der einzige mit Vocals auf dem Album. Nun könnte man mutmaßen, dass die vereinzelte Kritik einiger Hörer (zum Beispiel auf der LastFm-Seite von TGA nachzulesen) am Gesang den Anlass dazu brachten, die Gesangsparts zurückzuschrauben, oder ob es die Band einfach songdienlicher fand, die Vocals in den anderen vier Stücken wegzulassen. Kamille ist beileibe nicht der weltbeste Sänger, aber das waren Ozzy, Garcia oder Homme auch nie. Meiner Meinung nach tut es dem Song aber keinen Abbruch, ich finde es sogar passend gerade diesem flotteren Titel mit etwas Gesang zu untermalen.

Zur Halbzeit gibt es mit Visit Sri Lanka eine zweieinhalbminütige, musikalische Landschaftsbeschreibung. Ähnlich wie Costa Verde vom letzten RotoR Album.
Ein sehr atmosphärischer Song mit Urwald-Trommelklängen und Sitar-änlichem Gitarrenspiel. Schön zum träumen.

Nach der kurzen Reise folgt Wikipedia Surfer. Der Titel kommt ruhig und bedächtig daher, steigert sich aber nach ca. Zwei Minuten langsam mit feinen Bass-Grooves und wiederrum herrlichen Psychedelic-Leads. Ungefähr bei der Hälfte klingt das Wechselspiel der Gitarren wie ein Synthesizer bevor abgehackte Stoner-Riffs den Song bis zum Ende hin nochmal richtig pushen. Das alles wechselt wieder mit zweistimmigen Solieinlagen, kurzen Verschnaufpausen und Vollgas.

Das Ende macht dann Radio Friendly Fire. Das der Zwölf-Minuten-Song aber alles andere als „Radio Friendly“ ist, dürfte uns genauso klar sein wie es uns egal sein wird. Die Stimmen vom ersten Titel tauchen wieder auf, von bedächtigem Saitenzupfen und ruhigem Schlagzeug begleitet. Im Laufe des Stücks wird dann alles verbraten, was das Equipment der beiden Gitarristen an Effekten hergibt. Das wird dann auf Dauer aber auch ein bisschen anstrengend für den Zuhörer, vorallem da sich dieses Effektgewitter ein gutes Stück hinzieht. Aufs Ende dann werden zwar auch noch ein paar fettere Riffs gerockt, aber da die Stimmen in dem Song bis zum Ende nicht verstummen, muss man nach dem Album erstmal frische Luft schnappen oder einen Kurzen kippen. Was für ein Trip!

Für all diejenigen unter uns, denen das ein bisschen zu viel sein sollte, haben die Jungs von TGA netterweise auf ihrer LastFm-Seite kürzere Versionen der Songs, sogenannte „Radio-Edits“ zum kostenlosen (!) Download bereitgestellt. Das knapp gehaltene Visit Sri Lanka gibt es sogar in Originallänge. Erstklassiger Service!

Aber davon unbeeindruckt gehts zur Wertung über:
Zugegebenermaßen musste ich das Album ca. zwanzig mal komplett durchhören, bevor ich irgendetwas schreiben konnte. Einfach zu viel, zu groß, zu weit, als das alles nach einem Durchlauf im Kopf hängen bleiben könnte. Aber das zweite Album von TGA lässt sich mit gutem Wein vergleichen: Beide reifen mit der Zeit. Und wenn man das Gesamtwerk erst ein paar mal durch seine ganzen Gehirngänge hat wirken lassen, wird man zum gleichen Schluß kommen wie ich: Verdammt starker Tobak, aber trotzdem grandios, progressiv, mutig, eigenständig und ziemlich beeindruckend, vor allem da die Band noch keine zwei Jahre existiert.

1. Enjoy The View (14:49)
2. The Inner Galactic Experience Of Emily Dickinson And Sylvia Plath (7:40)
3. Visit Sri Lanka (2:43)
4. Wikipedia Surfer (9:02)
5. Radio Friendly Fire (12:18)

Gesamtspielzeit: 46:32

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